Grusswort - Winter 2014

Liebe Leserin, lieber Leser!

In der Fremde

Die letzten drei Jahre habe ich in Bolivien Weihnachten gefeiert. In unserer deutschsprachigen Gemeinde gab es eine Christvesper mit Krippenspiel. Maria brach in Tränen aus und musste von ihrem Vater, dem Botschafter, zum Stall begleitet werden. Zum Schluss sangen wir „O, du fröhliche“. Doch draußen wartete das Fremde: Die Supermärkte und Geschäfte waren noch offen. Die Bolivianer kauften jetzt ihre Geschenke. Die Kioskbesitzerin an der Ecke der Kirche wünschte „feliz navidad!“ Und es war hell und es war Sommer – was im auf 3.500 m gelegenen kühlen La Paz allerdings nicht viel ausmacht.

60 Jahre Martin-Luther Kirche in Harsewinkel. Der Festgottesdienst machte mir klar, wie anders die Gemeindegeschichte ist als im nahegelegenen Versmold, wo ich sieben Jahre als Pfarrer Weihnachten gefeiert habe. Hier haben die Fremden, die Flüchtlinge alles aufgebaut – und 1954 endlich auch eine Kirche für ihre Gottesdienste bauen können. Wie sie wohl waren die ersten Weihnachten in der Fremde? Nur ungern male ich mir aus, was Fremdsein für sie bedeutete, die nicht willkommen waren, die unfreiwillig ihre Heimat verließen, ohne Hoffnung auf Rückkehr. Die Heimat zerstört, die Gegenwart arm und die Zukunft unsicher.

Beim Weihnachtsmarkt der deutschen Schule in Afghanistan sprach mein Vater so lange mit diesem und jenen, dass die handgemachten Stabpuppen und anderes, was wir uns als Kinder wünschten, verkauft waren. Er erstand eine Langspielplatte, die sonst keiner gewollt hatte: Freddy Quinn – „Weihnachten auf hoher See“. Am Heiligen Abend legte er sie auf. Meine Mutter brach in Tränen aus: „Ich will auch nach Hause.“

Das Neue Testament berichtet, dass Jesus in der Fremde zur Welt kam. Maria und Josef waren von Galiläa, im Norden Israels, bis nach Bethlehem, im Süden, gereist. Dann heißt es lapidar: „Und Maria gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“ (Lukas 2,7). Es gab kein Haus, keine Wohnung, kein Gästezimmer für den neugeborenen Messias. Wie viele arme Kinder verbrachte er seine ersten Tage im Futtertrog. Matthäus berichtet weiter, dass Jesus auch seine Jugend in einem fremden Land verbrachte – in Ägypten.

Der arme Zimmermannssohn Jesus wird in der Fremde geboren und wächst in der Fremde auf. Die Geschichte ist uns so vertraut, dass wir dabei Jesu ‚Fremdsein' oft übersehen. Doch die Bibel macht deutlich, dass all' dies Gottes Plan und Wille ist. Der Prophet Micha verheißt, dass aus Bethlehem der kommen soll, „der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist“ (5,1). Matthäus zitiert den Propheten Hosea: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“ (Matthäus 2,15, Hosea 11,1). Auch dieses Jahr werden viele Menschen zum ersten Mal in Deutschland Weihnachten erleben und vielleicht feiern. Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, weil sie keine Zukunft bot oder weil sie vertrieben wurden, werden sich an diesen Tage besonders fremd fühlen.

Die Geschichte Jesu kann für diese Menschen ein Trost sein: 'Ist es nicht vielleicht Gottes Wille, dass ich in der Fremde lebe?' Und uns sollte es verunsichern: 'Was macht uns so sicher, dass Fremde, die wir nicht willkommen heißen, nicht aufgrund von Gottes Wille bei uns sind?‘

Ich wünsche Ihnen in Heimat oder Fremde ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Ihr Pfarrer

Christian Reiser

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