Impuls 13.09.2020

Ein Satz aus dem Lukasevangelium hat mich in der letzten Woche nachdenklich gemacht. Im 12. Kapitel heißt es: „Jesus wandte sich wieder der Volksmenge zu und sagte: »Wenn ihr eine Wolke im Westen aufsteigen seht, sagt ihr gleich: ›Es wird regnen‹, und dann regnet es auch. Wenn ihr merkt, dass Südwind weht, sagt ihr: ›Es wird heiß werden‹, und so geschieht es auch. Ihr Scheinheiligen! Das Aussehen von Himmel und Erde könnt ihr beurteilen und schließt daraus, wie das Wetter wird. Warum versteht ihr dann nicht, was die Ereignisse dieser Zeit ankündigen?“

Corona-Zeit ist Entscheidugs-Zeit. Wissen wir sie zu deuten? Im Licht der Religion?

Was ist Religion, nicht nur in Coronazeiten, für mich?

Religion könnte vielleicht so etwas sein, wie die Sehnsucht nach Gemeinschaft. In Corona-Zeiten ist Abstand geboten. Ein Wunder, dass Nähe noch intensiver ersehnt ist als sonst?

Religion ist für mich auch das Gefühl einer grundlegenden Abhängigkeit. In Corona-Zeiten ist sie sehr aktuell. Ich kann nicht uneingeschränkt über mich selbst bestimmen. Ich spüre Grenzen.

Die Pandemie ist eine Offenbarung. Sie legt die Welt frei in ihrem krisenhaften Zustand, deckt auf und sagt mir: Du bist endlich, vorläufig, begrenzt, verletzt, Kräften, Mächten und Gewalten unterworfen, gegen die du nichts „machen“ kannst. Krise ist aber auch etwas Positives. Sie ist eine Zeit der Entscheidung, der Offenheit für Neues.

Religion ist für mich auch das stillschweigende Eingeständnis mit der durch meine bloße Existenz mitgegebenen Tatsache des Leids. Des ertragenen, erlittenen Leids. Und des Leids, das ich selbst schaffe durch Verletzungen, die ich zufüge. Mir und anderen. Bewusst oder unbewusst. Beabsichtigt oder unbeabsichtigt.

Religion ist viel mehr für mich, als ich sagen kann. Religion ist, wenn es mir die Sprache verschlägt, wenn ich dankbar in die Knie gehe für ein Glück, das mir geschenkt wurde oder das ich schenken konnte. Religion ist, wenn ich Umwerfendes erfahre, wenn es mir den Boden unter den Füßen wegzieht.

Religion zeigt in der Corona-Krise auch, dass es noch eine andere Zeit als die gewohnte Terminkalender- und Atemlos-Zeit gibt. Eine Zeit, die Heilkraft haben kann für das unruhige Herz, das je „moderner“, desto schneller schlägt.

Es scheint, als hätten wir uns selbst verloren. Vielleicht, weil wir meinten, wir „hätten“ uns. Weil wir uns heimlich oder unheimlich daran gewöhnt haben, dass wir uns dann „haben“ würden, wenn wir alles hätten. Und hier schließt sich ein Kreis zwischen Religion und Corona. Wir sollten uns davor hüten, überheblich zu werden, weil wir uns sonst überheben. Das können wir vom Virus und der Religion lernen.

 

André Pollmann

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