Impuls 09.05.2020

Es war einmal, vor langer Zeit, da…!

Wer kennt sie nicht, diese erste Zeile, mit der unzählige Märchen, Sagen, Fabeln oder Geschichten beginnen. Und ein jeder von uns beginnt häufig seine Geschichte aus alten Zeiten mit „Weißt Du noch, damals…“

Wenn ich so zurückblicke auf die eigene Kindheit, in der Geschichten zu hören zu den schönsten Beschäftigungen gehörte und auch die eigenen Kinder am Abend gerne eine Erzählung aus früheren Zeiten hören wollten, so sind das schöne Erinnerungen an vergangene Tage.

Es war einmal…

Ich frage mich in diesen Tagen oft, wie wir wohl in einigen Monaten oder Jahren von dieser einzigartigen und außergewöhnlichen Zeit sprechen, in der wir uns im Augenblick befinden.

Und komischer Weise fallen mir dabei in diesem Zusammenhang zu manchen aktuellen Situationen immer wieder Schriftstellen aus der Bibel ein:

Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. (Apg 4,32)

Bezogen auf heute ist davon in Zeiten der Coronakrise ganz Deutschland ein Flickenteppich. Ein Herz und eine Seele? Alle haben unterschiedliche Meinungen, jedes Bundesland versucht mit eigenen Vorschlägen und Ideen das Ende der Einschränkungen einzuläuten. Alles zum Wohle der Menschen, die gerade in ihrem Verantwortungsbereich leben. Warum können Politiker, Wissenschaftler, Verantwortliche nicht einheitliche Entscheidungen treffen? Warum wissen es einige immer besser als andere?

Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa. Als er in das Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns! Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein. (Lk 17,11-14)

Es folgt - natürlich - keine Werbung in eigener Sache! Kein Aufruf in dieser außergewöhnlichen Zeit wieder vermehrt zur Kirche zu gehen, den vielen unterschiedlichen Seelsorger*Innen die Türen einzurennen und Gott um ein schnelles Ende der Ausnahmesituation anzuflehen. Viele werden in diesen Tagen in ihren Gebeten die Anliegen der vielen Betroffenen vor Gott bringen und das ist gut so.

Aber die Aussage: Sie blieben in der Ferne stehen und riefen… erinnert mich daran, Abstand zueinander zu halten. Eine Regel, die immer und immer wieder als wichtigste Maßnahme gegen eine weitere Verbreitung der heimtückischen Krankheit aufgeführt wird.

Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde. Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es – werde rein! (Mk 1,40-41)

Und was tun wir im Moment? Wir vermeiden jede Art von Körperkontakt. Es ist verpönt und wird als unvorsichtig angeklagt. Sind wir irgendwann wieder bereit einander die Hand zu reichen? Oder finden wir andere Möglichkeiten, Wege oder Gesten unserem Nächsten zu zeigen, dass er uns lieb und wertvoll ist? Wird uns irgendjemand in ansehbarer Zeit sagen, dass alles wieder gut ist, wir wieder so miteinander umgehen dürfen, wie wir es vor der Pandemie getan haben und nicht jeden Menschen, der uns begegnet, als potenziellen Krankheitsüberträger zu betrachten (so habe ich es leider schon erlebt)?

Ich hoffe, dass wir in absehbarer Zeit unsere Geschichten mit „Es war einmal oder weißt Du noch…“ beginnen können und nicht nur enttäuscht und traurig auf diese Episode unseres Lebens blicken, sondern auch positive Erfahrungen und eine neue Einstellung zu den wirklich wichtigen Dingen unseres menschlichen Daseins behalten.

Ein Satz unseres Gesundheitsministers Jens Spahn hat sich bei mir tief eingeprägt: „Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen.“

Diesen Mut wünsche ich uns allen! Es grüßt Sie herzlich

Thorsten Dammann

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